Rhein-Zeitung - Ausgabe Bad Neuenahr-Ahrweiler vom 31.07.2006, Seite 16.

Längerer Weg für Erzieherinnen

Ausbildung akademisiert - Anforderungen an das Personal in KiTas wird immer höher - Noch immer typischer Frauenberuf

Die Anforderungen an das Personal in Kindergärten und Kindertagesstätten werden immer höher. Das macht sich auch bei den Ausbildungsgängen bemerkbar.

AHRKREIS. Dass sie beruflich etwas mit Kindern machen wollte, war Anna Sander (Name von der Redaktion geändert) schon länger klar. In einer Großfamilie aufgewachsen überlegte sie nicht lange, wie es nach ihrem Realschulabschluss weitergehen soll. Im Zuge der Akademisierung des Erzieherinnen-Berufszweiges dauert die Ausbildung nach Abschluss der Mittleren Reife in Rheinland-Pfalz nun fünf Jahre: zwei Jahre Ausbildung zur Sozialassistentin an einer Höheren Berufsfachschule, zwei Jahre theoretische Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik, anschließend ein Jahr Berufspraktikum.

Verdienst: Bei entsprechend niedrigem Einkommen der Eltern ist eine Förderung durch Bafög möglich. Für Anna Sander heißt das: vier Jahre lang mit 200 Euro monatlich auskommen. Im fünften Jahr gibt es eine tarifliche Vergütung; die um die 1000 Euro liegt. Würden ihre Eltern mehr verdienen, hätte sie gar keine Ausbildungsförderung erhalten.

Zu dem finanziellen Aspekt befragt, äußert sich Prof. Dr. Stefan Sell, Vizepräsident der Fachhochschule Remagen: "Das ist nicht logisch erklärbar, man kann es nur verstehen, wenn man es historisch betrachtet. Erzieherin ist eben ein typischer Frauenberuf und viele junge Erzieherinnen begreifen ihre berufliche Existenz als Übergangsphase in die eigene Familiengründung." Also werden von vielen die vorgefundenen Strukturen einfach in Kauf genommen.

Für die Arbeitgeber ist dies interessant, weil die angehenden Sozialassistentinnen im zweiten Schuljahr mindestens drei Tage in der Woche in entsprechenden Einrichtungen praktisch arbeiten. Meist erhalten sie dann - je nach Einstellung des Arbeitgebers - die Fahrtkosten ersetzt und eine Aufwandspauschale bis zu 150 Euro.

Noch anders sieht es bei denjenigen Hauptschülerinnen aus, die diesen Weg wählen. Bevor sie die Ausbildung zur Sozialassistentin beginnen können, müssen sie erst zwei Jahre eine Berufsfachschule oder eine Ausbildung, etwa im Bereich Hauswirtschaft absolvieren, um den Sekundarabschuss I zu erreichen. "Das heißt, vor ihnen liegen sieben Jahre, bis sie das Erzieherinnen-Zertifikat erhalten", sagt Wolfgang Hennig, Leiter des Berufsinformationszentrum (BIZ) Mayen. Maßlos übertrieben sei das, so seine Einschätzung.

Als äußerst bedauerlich empfindet er, dass der Beruf der Kinderpflegerin in Rheinland-Pfalz wie auch in Hessen ersatzlos gestrichen wurde. Somit sei die Möglichkeit, über diesen zweijährigen Ausbildungsgang zur Kinderpflegerin in die Erzieherinnenlaufbahn zu gelangen, nicht mehr gegeben. Allerdings biete die Robert-Wetzlar-Schule Bonn dies noch an. (Infos hierzu unter Tel. 0228/77 70 60 oder im Internet unter rwb.bonn.de/kinderpflege.htm ). Allgemein seien die Berufseinstiegsmöglichkeiten für Hauptschülerinnen vehement ausgedünnt worden. "Viele Hauptschüler, aber auch Lehrer erschrecken, wenn ich sie mit den realen Anforderungen der verschiedenen Berufe konfrontiere", so Hennig. Kaum jemand fände zum Beispiel als Industrie- oder Bürokauffrau noch einen Ausbildungsplatz ohne Mittlere Reife. Selbst im Einzelhandel sei es da inzwischen schwierig.

Den Wegfall des Berufsganges Kinderpflegerin sieht Prof. Sell mit gemischten Gefühlen. Zum einen bräuchte man dringend eine Höherqualifizierung des KiTa-Personals, mit der Akademisierung des Berufzweiges trage dem europaweiten Trend Rechnung. Gerade in Nordrhein-Westfalen könne man beobachten, dass aus Kostengründen höherwertige Arbeitsplätze mit niedrig oder gar nicht qualifizierten Kräften besetzt würden. "Wir haben jetzt die Chance, die Entwicklung in Richtung höheres Niveau zu bringen - da ist es sicherlich falsch, es auf der unteren Ebene abzusenken", so Sell. Allerdings findet er es wichtig, dass Absolventen aller Schulformen der Einstieg ermöglicht wird.

Er weist außerdem darauf hin, dass die Auszubildenden zur Sozialassistentin durch ergänzende Kurse wie Deutsch, Mathe und Englisch und einer zusätzlichen Prüfung die FH-Reife erwerben können. Da stelle sich die Frage, ob sie dann, anstatt die dreijährige Erzieherinnen-Ausbildung anzuschließen, nicht direkt zur Hochschule gingen, wo sie gleich an der FH nach drei Jahren Bachelor-Studium einen akademischen Grad erhielten.

Gleichwertig angerechnet wie die Sozialassistentinnen-Ausbildung werden: eine abgeschlossene Berufsausbildung oder eine mindestens dreijährige hauptberufliche Tätigkeit oder das mindestens dreijährige Führen eines Familienhaushaltes mit mindestens einem minderjährigen Kind. Angerechnet werden gegebenfalls auch: freiwilliges soziales Jahr, ehrenamtliche, einschlägige Tätigkeiten, Fachhochschulreife oder allgemeine Hochschulreife und eine einschlägige praktische Tätigkeit von mindestens einem Jahr. An der Berufsbildenden Schule Bad Neuenahr-Ahrweiler startet man in diesem Herbst mit zwei Klassen für Sozialassistenz und einer Erzieherinnenklasse (Tel. 02641/946 40, Internet www.bbs-ahrweiler.de).

Judith Schumacher

Wer sich über die genauen Modalitäten zur Erzieherinnen-Ausbildung informieren möchte, kann dies tun beim BIZ Mayen Telefon 02651/95 06 49 oder unter www.arbeitsagentur.de und dort unter Kursnet oder Berufenet. Oder über die Homepage des Ministeriums für Bildung, Frauen und Jugend unter www.mbfj.rlp.de.

Rhein-Zeitung - Ausgabe Bad Neuenahr-Ahrweiler vom 31.07.2006, Seite 16.

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