General-Anzeiger Bonn vom 14.02.2005.

Junge Leute blicken hinter die Kulissen

2 000 Besucher lassen sich beim Berufsinfomarkt Ausbildungswege aufzeigen - Handel, Handwerk und Gewerbe beraten an mehr als 100 Ständen - Mathe ist nach wie vor unbeliebt

Von Andrea Simons

Bad Neuenahr-Ahrweiler. "Puh, auch noch Chemie und Physik muss man können?", stöhnt ein Jugendlicher in der Autowerkstatt, als er hört, dass für die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, dem einheitlichen Nachfolgeberuf von Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektroniker, nicht nur Mathematikwissen wichtig ist.

Koch-Künstler: Die gastronomischen Ausbildungsberufe stehen im Kreis Ahrweiler hoch im Kurs. Foto: Vollrath-Gausmann

Derweil freut sich eine Altersgenossin ein paar Blocks weiter: "Ach, ich brauche gar keinen Mindestnotendurchschnitt in der Neunten, um in die Berufsfachschule BF I zu kommen?" Dass künftig beim Eintritt in die anschließende BF II mit Erwerb des Qualifizierten Sekundarabschlusses I stärker "gesiebt" wird, stört die Grafschafterin erstmal nicht.

Ernüchterung und Erleichterung, aber vor allem viel Realitätssinn waren angesagt beim Tag der offenen Tür am Samstag in der Berufsbildenden Schule Bad Neuenahr-Ahrweiler (BBS), und viele der jungen Besucher gingen zumindest mit einem möglichen Ausbildungsweg im Kopf nach Hause. Dabei hatten sie ihre Berufswünsche noch wenige Stunden zuvor vielfach nur sehr unkonkret äußern können.

"Was Kreatives" sollte es sein", "auf jeden Fall was mit Menschen oder wo man rauskommt" oder "was in der Verwaltung". Manche wussten gar nicht, was sie nach der neunten oder zehnten Klasse machen könnten oder wollten. Andere wussten ganz genau, was sie wollten, konnten es aber nicht machen, weil sie für ihren Traumberuf nicht qualifiziert genug sind oder weil es darin keine freie Lehrstelle gibt.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist auch für die Schulabgänger im Kreis Ahrweiler alles andere als rosig. Auch deshalb realisierte die BBS gemeinsam mit der Kreishandwerkerschaft Ahrweiler, der Bezirksstelle der Industrie- und Handelskammer Koblenz, der regionalen Agentur für Arbeit und den Wirtschaftsjunioren Rhein-Ahr den neunten Berufsinfomarkt an der Schule.

Schweres Gerät: Den Umgang mit Hydro-Scheren können die künftigen Azubis am Stand der Sanitär- und Heizungsinnung proben. Foto: Vollrath-Gausmann

"Gerade angesichts geburtenstarker Jahrgänge und der schwierigen wirtschaftlichen Situation sind wir zu besonderen Anstrengungen verpflichtet", erklärte Schulleiter Hans-Werner Rieck. Und die Anstrengungen wurden honoriert.

Wenn auch laut Kreishandwerkerschaft vielerorts bei Jugendlichen ein Desinteresse an Beratungsgesprächen festzustellen sei oder laut IHK im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Ausildungsplätze besetzt wurden, weil es an ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Jugendlichen mangelte.

Wer sich am Samstag in der BBS umschaute, erlebte schon zu früher Stunde ein reges Treiben in Fluren und Räumen, und mit rund 2 000 Interessierten dürfte die Besucherzahl nach Angaben des Rektors noch höher liegen als im Vorjahr.

An mehr als 100 Ständen berieten erfahrene Praktiker aus Handel, Wirtschaft und Gewerbe sowie ihre jungen Auszubildenden vorwiegend Haupt- und Realschüler darüber, was sie potenziell während der Ausbildung und im Berufsleben erwartet.

Und die Jugendlichen, die vielfach mit ihren Eltern, aber auch allein gekommen waren, staunten, was die nur wenige Jahre älteren Berufsschüler schon geschafft hatten. Die Köche lockten mit kulinarischen Spezialitäten, die Erzieher mit Schwarzlichttheater. Großer Andrang herrschte bei den angehenden Frisören, die so manche Mähne zum Schnäppchenpreis bändigten, und auch bei den Tischlern.

"Ich mag Holz, weil es sich so warm anfühlt und finde es toll, wenn man sich selber etwas bauen kann", erklärte eine Noch-Neuntklässlerin und betrachtete interessiert das Modell der TV/Phono-Kombination, das gerade ein junger Mann im dritten Ausbildungsjahr fertigte. An seinem künftigen Gesellenstück arbeitete am Nachbartisch Klaus-Jürgen Wiesner.

Seine Detailgenauigkeit beim Umsetzen von Winkeln und feinen Leisten am Schreib- und Stehpult mit ausfahrbarem Zeichenbrett fesselt viele und schon die Skizze auf der Werkbank lässt erahnen, dass Mathematikkenntnisse dabei unabdingbar sind. Aber besonders dort hapert es nach Angaben der Betriebsinhaber bei vielen Ausbildungswilligen.

"Bloß nicht mit Zahlen und komplizierten Berechnungen" soll der Lebenserwerb bei vielen versehen sein. Aber da kommt man selbst bei Schmied Andreas Schmitz nicht drumherum, der ein Eisen im 1 100 Grad heißen Feuer hatte: Geländer, Grabkreuze und Tore müssen halt passen.

"Maler und Lackierer oder Dachdecker möchte ich werden", erklärte der 16-jährige Patrick Adams aus Niederzissen. Er habe zwar schon einige Bewerbungen abgeschickt, auch für andere Berufszweige, jetzt sei er aber bei diesen beiden Berufen "angekommen", die er sich in der BBS nochmal genauer anschauen will. Und sein Vater wünscht ihm, "nur nicht so einen dreckigen Beruf, wie ich ihn gelernt habe. Als Autoschlosser hatte ich schon morgens das Öl an den Händen und habe sie mir dann den halben Abend lang geschrubbt."

Aber Alternativen gab es ja beim Berufsinfomarkt genug, und als Maler und Lackierer sind auch noch einige Lehrstellen offen. Das hatten die beiden am Samstag schon erfahren.

Quelle: General-Anzeiger online 14.02.2005

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